Psychopathologie

Der psychopathologische Befund dient der systematischen Überprüfung und Ermittlung, ob und in wieweit bestimmte Bereiche der Psyche oder Elementarfunktionen beim Patienten gestört und welche Symptome infolgedessen vorhanden sind. Er wird schriftlich verfasst und enthält neben den Angaben des Patienten vor allem Angaben zu seinem beobachteten Verhalten sowie eine fundierte Beurteilung durch den untersuchenden Arzt und Therapeuten. Im psychopathologischen Befund werden somit alle Veränderungen und Auffälligkeiten festgehalten, die für die psychische Störung des jeweiligen Patienten bedeutsam sind. Sie können Erscheinungsbild, Verhalten und Ausdruck sowie innerpsychisches Erleben und Affektlage betreffen. Die Erstellung eines präzisen, vollständigen psychopathologischen Befunds bildet das Kernstück der psychiatrischen und psychotherapeutischen Diagnostik und setzt umfangreiche Kenntnisse und Erfahrungen voraus.

Die im Folgenden beschriebenen Störungen der Elementarfunktionen (Bewusstsein, Affektivität, formales Denken, inhaltliches Denken, Intelligenz, Ich-Erleben, Wahrnehmung, Antrieb, Orientierung, Gedächtnis) sind Bestandteile des psychopathologischen Befunds.

 

Bewusstseinsstörungen

Unter Bewusstseinsstörungen versteht man die Beeinträchtigung der Bewusstseinsklarheit mit Störungen des einheitlichen und sinnhaften Erlebens. Es handelt sich hier um einen Oberbegriff für alle Veränderungen der Bewusstseinslage und man unterscheidet zwischen quantitativer und qualitativer Bewusstseinsstörungen.

Die Bewusstseinsklarheit wird anhand folgender Faktoren überprüft:

  • Funktion der Sinne
  • Orientierung
  • Gedächtnis- und Erinnerungsfunktionen
  • Aufmerksamkeit-, Konzentrations- und Auffassungsfähigkeit
  • Möglichkeit zur sprachlichen Verständigung und situationsangepasstem Verhalten

 

Quantitative Bewusstseinsstörungen

Diese zeichnen sich durch eine Minderung der Vigilanz (Grad der Wachheit) aus. Das Bewusstsein ist verändert, bleibt aber in seiner Qualität erhalten. Es gibt fließende Übergänge im Grad der Bewusstseinsstörung und typische Formen der quantitativen Bewusstseinstörungen sind:

  • Benommenheit: leichte Beeinträchtigung der Bewusstseinsklarheit; verlangsamt, schläfrig, eingeschränkte Informationsaufnahme und – verarbeitung
  • Somnolenz: Apathie und abnormale Schläfrichkeit; der Patient ist durch lautes Ansprechen relativ leicht zu wecken
  • Sopor: sehre starke Trübung des Bewusstseins; nur stärkste Reize führen zum Erwachen aus der Schläf-richkeit
  • Koma: tiefe Bewusstlosigkeit, ggf. Fehlen der natürlichen Schutzreflexe, im Extremfall Störungen zentraler vegetativer Funktionen wie Atmung, Kreislauf und Temperaturregulation

 

Qualitative Bewusstseinsstörungen

Die Qualität des Bewusstseins, also das Erleben, Erinnern und Denken ist verändert. Zu den qualitativen Bewusstseinsstörungen zählen:

  • Bewusstseinstrübung: mangelnde Klarheit des gegenwärtigen Erlebens mit Verwirrtheits des Denken und Handelns. Bestimmte Aspekte der eigenen Person und der Umgebung können nicht mehr sinnvoll miteinander in Zusammemhang gebracht werden. Die Bewusstseinseintrübung ist ein typisches Zeichen des Delirs.
  • Bewusstseinseinengung: betrifft den Umfang des Bewusstseins, z.B. starre Fixierung des Denkens, Fühlens und Wollens auf bestimmte Aspekte des Erlebens mit vermindeter Reaktionsfähigkeit auf Außenreize; schwieriger zu erkennen, da komplexe äußere Handlungsabläufe normal bewältigt werden können. Vorkommen z.B. beim epileptischen Dämmerzustand oder bei abnormalen Erlebnisreaktionen.
  • Bewusstseinsverschiebung: entspricht einer Bewusstseinssteigerung mit dem Gefühl einer Intensitätssteigerung des äußeren und inneren Erlebens. So können im Drogenrausch (z.B. LSD) Farben und Gerüche subjektiv stärker wahrgenommn und der persönliche Erfahrungshorizont als erweitert erlebt werden.

Die Bewusstseinseinengung wird auch als „eingeschränkter Lichtkegel des Bewusstseins“ beschrieben, wobei ein Mensch sein Bewusstsein wie einen engwinkligen und starren Lichtkegel nur auf wenige innere und äußere Umstände richten kann und davon gebannt ist. Dies kann im Trancezustand (Hypnose) oder wenn ein Mensch innere Stimmen hört, denen er lauscht (Schizophrenie).

 

Orientierungsstörungen

Fehlende Klarheit über zeitliche, örtliche, situative Gegebenheiten und über die eigene Person (Merksatz Z-Ö-S-P) wird als Orientierungsstörung oder Desorientierung bezeichnet.

 

OrientierungKennzeichenErfragen der Orientierungsstörung
Zur ZeitOrientierung zu Datum, Tag, Jahr und Jahreszeit "Welchen Wochentag haben wir heute?", "In welcher Jahreszeit befinden wir uns?"
Zum OrtWissen um den derzeitigen Aufenthaltsort"In welcher Stadt liegt diese Klinik?", "In welcher Strasse befinden Sie sich?"
Zur SituationErfassen der augenblicklichen Situation"Wo befinden Sie sich derzeit?", "Warum sind Sie hier?", "Wer bin ich (Therapeut)?"
Zur eigenen PersonWissen um die eigene persönliche Situation"Wann sind Sie geboren?", "Wie heissen Sie?", "Wie ist Ihr Familienstand?", "Welchen Beruf üben Sie aus?"

 

Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen

Hier handelt es sich um die verminderte Fähigkeit, neue und alte Gedächtnisinhalte wiederzugeben. Unterschieden werden in diesem Zusammenhang:

  • Auffassungsstörungen: Die gedankliche Verarbeitung einer Wahrnehmung ist gestört.
  • Konzentrationsstörungen: Unfähigkeit, die Aufmerksamkeit über eine längere Zeit auf eine bestimmte Tätigkeit oder Thema zu fokusieren.
  • Störungen der Merkfähigkeit: Die Fähigkeit, neue Eindrücke über einen Zeitraum von 10 Minuten zu behalten, ist vermindert oder aufgehoben.
  • Gedächtnisstörungen: Die Fähigkeit, Eindrücke und Erfahrungen länger als 10 Minuten zu speichern oder sich an Ereignisse zu erinnern, die länger als 10 Minuten zurückliegen, ist vermindert oder aufgehoben.
  •  Konfabulation: Erinnerungslücken werden mit Einfällen gefüllt, die vom Betroffenen für Erinnerungen gehalten werden. Konfabulationen sind die typischen Zeichen der Wernicke-Enzephalopatie.
  • Amnesien: Bei Amnesien handelt es sich um inhaltlich und zeitliche begrenzte Erinnerungsglücken.
  • Zeitgitterstörungen: Unfähigkeit, Erlebnisse und Ereignisse in die richtige Reihenfolge zu bringen.

 

Denkstörungen

Das Denken ist eine komplexer Prozess, bei dem alle Bereiche des täglichen Lebens (wie Situationen, Probleme und Gegenstände) rational verarbeitet, also abstrahiert, analysiert, visualisiert und beurteilt werden. Die Art und Weise wie ein Mensch denkt, also wie schnell, beweglich und inhaltsreich seine Gedanken sind und wie er die Ereignisse seines Denkprozesses äußert, gibt Auskunft über sein Wesen und seine aktuelle Gemütslage. Denken ist also immer ein vielschichtiger Vorgang, der den Menschen als Ganzes betrifft. Störungen dieses Prozesses und seiner Äußerungen werden unterteilt in formale Denkstörungen, die sich auf die Art und Weise des Denkens beziehen, sowie inhaltliche Denkstörungen, die den Inhalt der Gedanken betreffen.

 

Formale Denkstörungen

Bei den formalen Denkstörungen handelt es sich um Störungen des Gedankenablaufs, die sich überwiegend in der Sprache äußern. Wie denkt jemand und wie fasst er seine Gedanken in Worte? Bricht er mitten m Satz ab? Ist es verständlich was er äußert? Wie schreibt er? Klar gegliedert oder zusammenhanglos? Bleibt er bei einem Thema. Formale Denkstörungen sind nicht krankeitsspezifisch, sie führen erst im Zusammenhang mit anderen Symptomen zu einer bestimmten Diagnose.

Das Abstraktionsvermögen ist eine wichtige kognitive Eigenschaft. Kann ein Patient  den abstrakten Zusammenhang nicht erfassen, so spricht man von Konkretismus.

 

PsychopathologieErklärungBeispielBeispielhaftes Vorkommen
DenkverlangsamungVerlangsamtes und schleppendes Denken"Na ja, also ... ich weiss nicht recht ... die Gedanken sind so schwer ..." Depression, organisches Psychosyndrom
DenkhemmungDenken wird als mühsam, wie blockiert erlebt"Am schlimmsten war das Denken. Ich kam nicht mehr voran, meine Gedanken waren wie verschluckt ..." Depression, Schizophrenie
Gedankenabreißen, GedankensperrungPlötzlicher Abbruch eines flüssigen Gedankengangs, bzw. des Sprechens ohne ersichtlichen Grund "Dann ging ich in das Zimmer ... " (Patient schweigt, schaut in den Raum, lauscht) "Das Leben ist mekwürdig und belastet mich".Schizophrenie
Umständliches DenkenWeitschweifiger Gedankengang, wesentliche Inhalte können nicht vom Nebensächlichen getrennt werden, inhaltlicher Zusammenhang bleibt erhalten Der Patient wird nach Zwangshandlungen gefragt: "Mein Wohnzimmer ist relativ groß, so um die 30qm und die Balkontür liegt am hinteren Ende, etwa 50cm von der rechten Wand entfernt. Ich habe sie erst neu streichen lassen, sie sieht jetzt ganz gut aus. Obwohl ein paar Ausbesserungen muss ich noch machen. Also ich muss immer wieder prüfen, ob sie verschlossen ist ..." Zwangsstörung, Demenz
Eingeengtes DenkenGedanken sind auf wenige Themen eingeengt, haften an diesen Inhalten"Die Gedanken drehen sich im Kreis, immer wieder die Frage, ob ich Schuld an ihrem Verschwinden bin. Eine einzige Gedankenschleife, immer wieder ..."Depression
PerseverationenStändiges Wiederholen eines bestimmten Gedankens "Sie hat mir das Geld gestohlen, da bin ich mir sicher. Es war an Ostern, als wir uns alle trafen. Sie hat mir das Geld gestohlen, zweifelsfrei. Die Kinder haben die Eier gesucht und wi haben den Tisch geschmückt. Natürlich hat sie es getan, sie hat mir das Geld gestohlen". Organisches Psychosyndrom, Zwangsstörung, wahnhafte Störung
GedankendrängenPatient ist dem Druck vieler unterschiedlicher Gedanken ausgesetzt"Ich musste so viel denken, musste immer wach bleiben und konnte nicht schlafen. Ich war total überdreht". Manie, Schizophrenie
IdeenfluchtBeschleunigtes Denken und Sprechen, extrem einfallsreicher Gedankengang, wobei einzelne Gedanken nicht zu Ende geführt, sondern durch Assoziationsflut unterbrochen werden "Gustav der 4.te ist es gewesen, König von Schweden, diese Macht zu haben, wie ein König, da wäre das Leben aber schön, schöner noch am Strand legen, nichts tun und Wasser, das ist es. Wasser wird uns erlösen, kühl und rein ..." Manie
VorbeiredenEine Frage wird, obwohl sie verstanden wurde, mit anderen Inhalten beantwortetEin patient berichtet, er fühle sich verfolgt. Auf die Frage wer ihn verfolgt, antwortet er: "Nichts ist mehr so wie es war, das schaffen sie". Schizophrenie
Zerfahrenheit, InkohärenzZusammenhanglosigkeit von Denken und Reden"Gott lebt dort und redet, manche schaffen es zum Heiland bis ins Hirn hinein. Das schmerzt im Kopf, man merkt nicht wer dort regiert. Gott vierteilt oder halbiert, ich weiß nicht aber ich sah es". Schizophrenie
NeologismusWortneuschöpfungen, die nicht der sprachlichen Konvention entsprechen und oft nicht umittelbar verstanden werden"Blutgebären", "Jahreswechselgeld", "Verschnittbehörde", "trausam" Schizophrenie
KonkretismusUnfähigkeit, die übertragene Bedeutung vo Sprichwörtern zu erkennen; alles wird wörtlich genommenDas Sprichwort "Wer anderen eine Grube gräbt" wird so erklärt: "Wenn ich im Garten grabe, gibt es ein Loch, ein großes, und dann gehen sie da vorbei und plumps, sind sie drin". Schizophrenie

 

Inhaltliche Denkstörungen